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Die Eventbranche leidet sehr …

People

PATRIK HAF (LC TITLIS) UND OLIVER FURRER (LC ZUGERLAND) Während der Pandemiezeit ging es wenigen richtig gut. Jedoch litten viele richtig stark. Praktisch jeder Industrie-und Wirtschaftszweig war in der einen oder anderen Form von Lockdowns betroffen. Insbesondere jedoch die Welt der Unterhaltung, der Events und Konzerte wurde und wird nach wie vor stark in Mitleidenschaft gezogen. Im Interview berichten zwei Eventunternehmensinhaber, wie sie diese schwierige Zeit erlebt haben und was sie sich für die Zukunft wünschen … auch von uns.

Tobias Jäger: Im März 2020 wurde, mit praktisch einem Schlag alles stillgelegt. Gerade die Event-und Anlassbranche wurde damit im Herzen getroffen. Wie seid ihr mit dieser Tatsache umgegangen?
Oliver Furrer: Wir wurden mitten in der Hochsaison getroffen, und so galt es, alles umzuplanen und schliesslich abzusagen. Normalerweise führen wir im März und April etwa 15 Grossveranstaltungen mit total rund 20 000 Gästen durch. Plötzlich war das nicht mehr erlaubt. In den ersten Wochen eilten wir von einem Krisenstab zum anderen und mussten einfach funktionieren. Richtig bewusst wurde es uns erst, als der letzte Anlass abgesagt und der Veranstaltungskalender leer war. Wer hätte je gedacht, dass uns der Bundesrat mal verbietet, unserer Arbeit nachzugehen? Es war unglaublich. Richtig bitter wurde es, als klar war, dass uns dies noch ein ganzes Jahr begleiten wird und auch die nächste Hochsaison nichts stattfinden würde ... Meine Mitarbeitenden haben mir dann eine Flasche Wein ins Homeoffice geschickt mit dem Kartentitel: «Wir machen weiter!»

Patrik Haf: Der Lockdown im März 2020 kam für uns nicht mehr ganz so überraschend, da wir bereits Mitte Februar die ersten Events angepasst hatten oder diese abgesagt wurden.

Den eigentlichen Lockdown habe ich dann genutzt, um einen Gang herunterzuschalten und die geschenkte Zeit zu Hause zu geniessen. Mit der Tatsache, dass wir faktisch ein Arbeitsverbot hatten, blieb ja nichts anderes übrig. Klar habe ich mir in dieser Zeit auch über die finanzielle Lage im Betrieb meine Gedanken gemacht, jedoch sollte dies nicht mein tagefüllendes Thema sein.

Anlässe und Events zu planen, war und blieb sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Wie motiviert man sich und seine Angestellten, wenn die Zukunftsaussichten dermassen unsicher und grundsätzlich negativ sind?
Oliver Furrer: Es gab tatsächlich Situationen, wo wir sagten: «Blast uns doch alle in die Schuhe!» Wir haben uns aber immer sehr schnell wieder motiviert, weil wir an die Zukunft glauben. Dank der langjährigen, erfolgreichen Geschäftstätigkeit wussten wir, dass unser Fachwissen mit den Lockerungsschritten wieder gefragt sein würde. So benötigten wir vor allem viel Geduld und Durchhaltewillen. Wir tauschten uns laufend virtuell aus. Zu Meetings und auch zum digitalen Apéro. So blieben wir trotz Homeoffice verbunden und motivierten uns im Team. Auch studierten wir an der Zukunft rum, optimierten Abläufe, lernten digitale Formate kennen und setzten diese mit unseren Kunden um. Schnell war klar: Digital bleibt – aber live kommt zurück. Alle sehnen sich nach physischen Treffen mit Mitarbeitenden und Partnern. Vor Corona wollten alle digitale Elemente an ihren Mitarbeiteranlässen. Heute sagt jede und jeder: «Bringt uns ja keine Screens!»

Patrik Haf: Geplant und gehofft haben wir den ganzen Sommer hindurch. Zwar unter Kurzarbeit, aber eine Perspektive war ja da, dass im Sommer und im Frühherbst doch kleinere Aufträge möglich wären. Auch wurden viele Kundenveranstaltungen vom März, April und Mai in den Herbst verschoben, und somit hatte ich für meine Mitarbeiter auch eine Beschäftigung. Somit mussten wir uns nicht motivieren. Der eigentliche Zeitpunkt, wo ich wusste, dass es jetzt richtig lange dauern würde, war der 28. Oktober 2020. Nach der Medienmitteilung des BAG und den Aussichten bis Januar 2021 wusste ich: Das Weinachtsbusiness, unsere eigene Messe im Januar und das Frühjahr 2021 sind gelaufen. Danach hatte ich meine erste schlaflose Nacht, da ich wusste, dass nun innert Tagen alle geplanten Kundenaufträge von November bis Ende April abgesagt würden. Was ja dann auch so war!

Gab es auch schöne Momente, die euch in dieser Zeit geblieben sind?
Oliver Furrer: Natürlich. Alle unsere Kunden und Lieferanten gingen sehr professionell und strukturiert mit der Situation um. Der Zusammenhalt mit den Partnern wurde durch die gemeinsame Problemstellung noch gestärkt. Wir pflegten den Kundenkontakt auch während der Krise und wurden immer wieder aufgemuntert. Schön war auch, wie die Mitarbeitenden die Kurzarbeit annahmen und während des Berufsverbotes alles daransetzten, dass wir mit der Auflösung à jour und bereit für die Zukunft waren.

Patrik Haf: Für mich persönlich kann ich nicht von schönen Momenten reden. Für mich sind es die dankbaren Momente. Es macht Freude, wenn die Kunden sagen, den Anlass holen wir dann aber nach, und die geleistete Akontorechnung nicht direkt zurückgefordert wird, weil der Anlass abgesagt werden musste. Wenn die Mitarbeiter hinter ihrem Chef stehen und verständnisvoll sind, selbst wenn man einen Teil der Belegschaft entlassen musste und die Antwort der Betroffenen darauf ist: Ich verstehe dich, und ich komme dann zu dir zurück, wenn es wieder losgeht. Somit weiss man, dass man eine vertrauensvolle Basis zu den Mitarbeitern und Kunden hat. Auch bin ich dankbar, in der Schweiz zu wohnen und zu arbeiten, denn die verschiedenen finanziellen Unterstützungsbeiträge haben geholfen, dass der Betrieb den Umständen entsprechend aufrechterhalten werden konnte.

Es sei erlaubt, aufgrund der aktuellen Entwicklung mit einer positiven Erwartungshaltung in die Zukunft zu blicken: Was seht ihr da?
Oliver Furrer: Wir spüren einen enormen Nachholbedarf. Alle unsere Kunden wollen zurück zu Liveevents mit Publikum vor Ort. Noch vor wenigen Wochen glaubten wir, dass dieses Jahr keine Anlässe mit mehreren Hundert Gästen stattfinden würden. Doch nun ist die Nachfrage nach Herbstanlässen da, und die Planung für 2022 kann nach der Sommerpause starten. Wir sind natürlich voller Tatendrang und können den ersten Aufbau kaum erwarten.

Patrik Haf: Im Moment bin ich ganz optimistisch. Für mich ist aber klar: Ohne eine flächendeckende Impfung wird unser Business nicht mehr in Fahrt kommen. Die Impfung sollte aber freiwillig bleiben, und es darf daraus keine Zweiklassengesellschaft entstehen. Es kann nicht sein, dass jemand, der nicht geimpft werden möchte, gehindert wird, ein Konzert zu besuchen, oder an einer Generalversammlung keinen Zutritt erhält. Da bin ich gespannt, wie wir diese Situation zukünftig regeln können.

Die Organisation und die Durchführung von Events werden sich aber grundsätzlich verändern. Die Menschen gehen mit dem Faktor «Publikum» sehr zurückhaltend um. Wird es irgendwann wieder so wie vor Corona?
Oliver Furrer: Wir erfahren beides. Einigen kann es nicht schnell genug gehen, und andere sind noch eher vorsichtig. Das Publikum kommt zurück, und auch Massenveranstaltungen wird es wieder geben. Klug ist sicher, wenn wir die Lockerungsschritte stufenweise umsetzen. Wichtig ist aber auch, dass es klare Regeln und verbindliche Termine gibt. Das Zertifikat ist eine gute Variante. Es ermöglich aktuell die grösstmögliche Sicherheit an Veranstaltungen, aber auch – und das ist zentral – Planungssicherheit.

Patrik Haf: Ich denke das Grossveranstaltungen ab 10 000 Personen noch zwei bis drei Jahre benötigen, um ihr altes Niveau zu erreichen. Bei internationalen Kundenanlässen wird ein Umdenken stattfinden. Dies war auch bereits vor Covid-19 schon da. Da hat sich die Kommunikationstechnologie so weit entwickelt, dass man sich wirklich fragen muss, ob man sich jetzt zwingend in den Flieger setzen muss. Ich bin mir aber ganz sicher, dass die gängigen Events und Messen rasch wieder im normalen Bereich stattfinden werden. In der Anfangsphase wird es sogar ein Überangebot an Veranstaltungen geben. Für 2022 sind die Konzerthäuser und die Eventlocations in der Schweiz überdurchschnittlich gebucht. Viel wird nachgeholt, und die Künstler waren während Covid alle kreativ und müssen nun mit Konzerten und Theaterauftritten wieder Geld verdienen. Auch sieht man ja bei den ersten Öffnungsschritten, dass die Gastronomie bereits jetzt wieder an die alten Umsätze anknüpfen konnte. Somit glaube ich, dass sich längerfristig in der Eventbranche nicht viel ändern wird.

Wagen wir den Blick in die Kristallkugel: Wie sieht die Eventbranche der Zukunft aus?
Oliver Furrer: Tja, wenn wir das wüssten. Viele meinen, der Mensch vergesse schnell und in einem Jahr sei alles wie vor Corona. Es wäre eigentlich schade, wenn wir nicht wenigstens etwas Positives aus dieser Krise nehmen könnten. Bei den digitalen Formaten haben wir schnell festgestellt, dass die Technik oder das Eventtool alleine noch keinen erfolgreichen Anlass garantieren. Etwa so wie früher ein schöner Saal mit bequemen Stühlen auch noch keine unvergessliche Gala ausmachte. Der Content, die Geschichte hinter dem Anlass und die Customer Journey werden noch viel wichtiger. Der Gast wird Tage vor dem Anlass thematisch abgeholt und über den Event hinaus begleitet. Das bewusste, intensive Erlebnis wird noch viel stärker, und auch punkto Nachhaltigkeit wird die Eventbranche noch einiges verbessern. Aber das Wichtigste ist: Das gemeinsame Erlebnis bleibt. Live, digital oder hybrid.

Patrik Haf: Für mich ein klarer Fall. Events vermitteln Emotionen, und das kann nur live passieren. Dazu kommt neu sicher noch die hybride Version von Liveübertragungen hinzu. Zukünftig kann man von seiner Lieblingsband ein Onlineticket kaufen und das Konzert von zu Hause auf dem Sofa geniessen. Wenn die Lieblingsband dann aber im eigenen Land oder in der Stadt ist, will man sie dann eben doch LIVE sehen. Das Gleiche sehe ich auch für die Erwachsenenbildung. Die Schüler und Studenten werden wohl zukünftig im Klassenzimmer und zu Hause sein. Auch im Businessbereich werden hybride Events stattfinden doch der persönliche Kundenkontakt ist für die meisten Branchen immer noch sehr wichtig. Wir haben es in der menschlichen DNA, dass wir die Abwechslung brauchen und etwas erleben möchten. Rein digitalen Events gebe ich deshalb längerfristig keine Chance.

Interview: Tobias Jäger