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Alfred Fetscherin (LC Zürich): «Was man publiziert, muss stimmen»!

People

Gelegentlich hört man den Vorwurf, im LION würden immer die gleichen Amts-und Würdenträger erwähnt, die oft mehrmals im gleichen Heft abgebildet seien. Die Redaktion hat sich deshalb entschieden, gelegentlich auch «einfache» Lions-Mitglieder vorzustellen: Was sie machen, wie sie denken oder wie sie aktuelle Ereignisse beurteilen. Den Anfang macht ein Lion, den viele Leserinnen und Leser seit Langem kennen, war er doch während zehn Jahren als Redaktor für den deutschsprachigen Teil des Magazins LION verantwortlich. Und viele kennen ihn auch aus jener Zeit, als er fast täglich im Fernsehen zu sehen war.

Tobias Jäger: Lieber Alfred, eine verrückte Zeit - wie erlebst du sie, und wie geht es dir dabei?

Alfred Fetscherin: Es geht mir ausgezeichnet. Ich habe das grosse Glück, dass mir der liebe Gott eine wunderbare Gesundheit geschenkt hat. Sie erlaubt es mir, jeden Morgen ohne irgendwelche Alterszipperlein aufzustehen – ohne eine einzige Tablette schlucken zu müssen. Es ist mir aber durchaus bewusst, dass sich dies von einem Moment auf den anderen ändern kann.

Eine herausfordernde Zeit liegt hinter uns … wie hast du sie erlebt?

Da ich schon seit Längerem als Privatier lebe, war Arbeiten im Homeoffice nichts Neues für mich. Was mir sehr fehlte, waren die regelmässigen Treffen mit Freunden, vor allem die Meetings im Lions Club und die Anlässe in der Zunft. Sehr berührt hat mich die persönliche Erfahrung spontaner Hilfsbereitschaft und Solidarität, wie ich sie nie erwartet hätte. Leute aus der Verwandtschaft, aber auch aus der Nachbarschaft haben sich anerboten, für uns einkaufen zu gehen und andere wichtige Besorgungen zu erledigen, damit wir als Angehörige der sogenannten Risikogruppe uns keiner Ansteckungsgefahr aussetzen müssten.

Als PR-, Medien-und Presseprofi bist du sehr wortgewandt. Wann fehlen dir die Worte?

Zum Beispiel jetzt.

Stellst du dir manchmal vor, wie du die aktuelle Situation rund um COVID-19 während deiner beruflichen Tätigkeit gemeistert hättest?

Ich masse mir nicht an, den zuständigen Behördenvertretern Ratschläge zu erteilen. Aus meiner Sicht hat das bundesrätliche Krisenmanagement vor allem in der ersten Phase der Pandemie gut funktioniert.

«Dass in so hektischen Phasen Fehler passieren, ist verständlich und auch verzeihlich.»

Kommunikation ist, insbesondere in solchen Krisen, sehr zentral. Welche Noten gibst du unseren Behörden in diesem Fach für die letzten sechs Monate bezüglich der grossen Herausforderung?

Was die Kommunikation anbelangt, kam es leider zu zahlreichen peinlichen Pannen, die niemals hätten passieren dürfen. Da wurden Meldungen herausgegeben, die schlicht falsch waren und von den zuständigen Ämtern umgehend korrigiert werden mussten. Andere wiederum enthielten so viele Widersprüchlichkeiten, dass sie, statt Fragen zu beantworten, noch mehr Fragen auslösten. Das führte, je länger die Krise andauerte, zu einer wachsenden Verunsicherung und zu Ärger in der Bevölkerung. Dass in so hektischen Phasen Fehler passieren, ist verständlich und auch verzeihlich. Ich frage mich allerdings: Wo blieben all die Heerscharen von Informationsbeauftragten und Kommunikationsberatern, die in Bern und in den Kantonshauptstädten für teures Geld die involvierten Behörden beraten sollten? Haben diese Leute noch nie etwas von den einfachsten, aber wichtigsten Grundsätzen der Öffentlichkeitsarbeit gehört? Erstens: Was man publiziert, muss stimmen, und zwar inhaltlich wie formal. Zweitens: Kommt die Meldung zum richtigen Zeitpunkt? Und drittens: Hat man sich auch überlegt, wie die Nachricht von den Empfängern aufgenommen, verstanden und interpretiert oder missinterpretiert werden könnte?

Gab es während deiner beruflichen Zeit am TV einen ähnlichen (Pandemie-) Fall in vergleichbarem Ausmass, auf den du und deine Redaktion speziell reagieren musstet?

Es gibt zwei Pandemien, an die ich mich erinnere. Ende der 1970er-Jahre war es die Russische Grippe, die den Tod von rund 700 000 Menschen forderte. In den frühen 1980er-Jahren war es dann das HIV-Virus, das immer wieder die Schlagzeilen beherrschte. Man schätzt, dass bisher weltweit rund 36 Millionen Menschen an Aids starben. Ich war damals Mitglied der Redaktion und Moderator der Tagesschau. Selbstverständlich haben wir im Rahmen der Aktualität laufend über die Entwicklung und die notwendigen Massnahmen berichtet. Anders als heute war damals aber nicht die ganze Zivilgesellschaft betroffen. Der Bundesrat war nicht gezwungen, einen Stillstand des gesamten öffentlichen Lebens anzuordnen. So gesehen hatte das Fernsehen seinerzeit auch nicht die Rolle eines quasi inoffiziellen Sprachrohrs der Regierung.

Du hast früher selber auch grössere Veranstaltungen organisiert. Was rätst du betroffenen Unternehmen der Event-und Unterhaltungsbranche in diesem herausfordernden Umfeld aktuell zu tun – oder zu lassen?

Ich kann ihnen leider nur einen einzigen Rat geben: Verlasst euch auf keinerlei Zusagen oder Versprechen, bis die Coronakrise definitiv ausgestanden ist! Niemand weiss, wie sich die Pandemie in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird. Ob kulturelle Anlässe oder Sportveranstaltungen – wegen der zum Teil enormen Kosten, die damit verbunden sind, brauchen die Organisatoren grösstmögliche Planungssicherheit. Und eine solche gibt es leider erst dann wieder, wenn COVID-19 definitiv besiegt ist.

«Niemand weiss, wie sich die Pandemie in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird.»

Du konntest dem Lockdown auch etwas Positives abgewinnen, denn offenbar bist du unter die Krimiautoren gegangen. Worum geht es in deiner Geschichte, und wann ist die Publikation geplant?

Ich habe bereits im vergangenen Jahr am Manuskript gearbeitet. Während des Lockdowns hatte ich dann noch etwas mehr Zeit zum Schreiben. Zum Inhalt: Eine der Hauptfiguren ist die junge Schweizerin Sandra Constaffel. Von ihrer Grossmutter hat sie die Aktienmehrheit der gleichnamigen Zürcher Privatbank geerbt. Nach einiger Zeit steht sie selbst an der Spitze der Geschäftsleitung. Ohne dass sie davon Kenntnis hat, versucht der Boss einer international tätigen Mafiaorganisation, sich ausgerechnet diese angesehene und hoch rentable Bank unter den Nagel zu reissen. Um an sein Ziel zu gelangen, ist ihm jedes Mittel recht: Mord, Kindsentführung und Erpressung mit pikanten Fotos. Ob er damit Erfolg hat, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Du warst vor zehn Jahren lange Redaktor des LION. Was wünschst du dir für dieses Magazin in Zukunft?

Das Magazin liegt mir nach wie vor sehr am Herzen. Der Themenmix und die jetzige Aufmachung gefallen mir gut. Was schon zu meiner Zeit immer wieder zu kritischen Leserreaktionen führte, ist die – wie es eine Leserin formulierte – «ständige Verherrlichung der Lions-Hierarchen ». Natürlich ist es nicht besonders attraktiv, wenn die gleichen Chargenträger im LION gleich auf vier oder noch mehr Bildern zu sehen sind. Andererseits bedingt es das Amt, das der entsprechende Herr oder die entsprechende Dame bekleidet, dass er bzw. sie an möglichst vielen Lions-Aktivitäten teilnimmt und in der Folge in den verschiedenen Berichten im Magazin erwähnt wird und die Anwesenheit mit einem Bild dokumentiert wird. Eine Zwickmühle, bei der es für jeden LIONRedaktor immer wieder darum gehen wird, die richtige Balance zu finden.

Interview: Tobias Jäger

Kurzporträt

Alfred Fetscherin (81) ist seit 1980 Mitglied im LC Zürich. Nach ersten journalistischen Erfahrungen beim damaligen Radio Zürich wechselte Fetscherin zum Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Dort erlernte er das Handwerk eines Fernsehreporters von der Pike auf. Nach drei Jahren kehrte er in die Schweiz zurück, wo er zunächst bei Radio DRS und später beim Fernsehen als Tagesschau-Moderator und Rundschau-Redaktor fast täglich via Bildschirm Gast in den Schweizer Stuben war. 1983, als der Bundesrat die ersten Privatradiosender konzessionierte, wurde er Chefredaktor von Radio Z (heute Radio Energy). Ende der 1980er-Jahre machte er sich selbstständig und gründete die Firma «Fetscherin Public & Investor Relations». Sein Buch «Keine Angst vor den Medien – 100 goldene Regeln im Umgang mit Presse, Radio und Fernsehen» wurde zu einem Verkaufsschlager.