arrow-down-01arrowscalendarcheck-iconclockclose-iconconnexionemailexcel-iconfacebookforward-iconglobelinkedinmagnifieropen-bookquestion-markshopping-bagtweeterwrite-icondeconnexion

«Zeit ist eines unserer höchsten Güter»

People

JEAN-MICHEL MÜHLEMANN (LC BERN BUBENBERG), ORTSPFARRER UND SEELSORGER In Zeiten wie diesen ist es nicht immer einfach, die richtigen Worte für jede Lebenslage zu finden. Aber gerade dann, wenn sich die Welt zu schnell zu drehen beginnt, ist es wichtig, mit passenden Antworten auf brennende Fragen Unterstützung in der jeweiligen Lebenslage zu bieten. Jean-Michel Mühlemann kennt solche Situation als Ortspfarrer und Seelsorger im Pflegeheim aus dem Alltag und hat sich für dieses Interview Zeit genommen.

Curriculum Vitae

Jean-Michel Mühlemann schloss in den 1990er-Jahren die damals neue Informatik-Berufslehre bei der Ascom AG in Bern ab. Er arbeitete mehrere Jahre als Network und System Engineer im Client-Server-Bereich. In dieser Zeit lernte er verschiedene interessante Firmenkunden in der Deutschschweiz kennen. Mitte der 2000er begann er seine Zweitausbildung und studierte an der Universität Bern evangelische Theologie.

Heute lebt er mit seiner Familie in Neuenegg und ist an selbigem Ort Pfarrer in einem Zweierteam.

Tobias Jäger: Lieber Jean-Michel, wer bist du?

Jean-Michel Mühlemann: Ich bin Pfarrer mit zwei Stellenprofilen. Einerseits bin ich in der Kirchgemeinde Neuenegg im Gemeindepfarramt als Allrounder unterwegs. Andererseits darf ich, in einem weiteren Teilzeitpensum, das Betagtenzentrum Laupen als Seelsorger begleiten. Dies ist ein von vielen Seiten wertgeschätzter Auftrag. Das Wirken im Bereich «Spiritual Care» umfasst nebst den gottesdienstlichen Feiern auch die vielfältigen Gespräche mit den Senioren. Der Austausch mit der Leitung des Hauses und den verschiedenen Fachbereichen bereichert das Engagement.

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

Es ist die Vielfalt der Steinchen, die ein Mosaik ausmachen. Einer dieser Steine war, dass ich mich als Jugendlicher in einer Cevi-Jungschar engagierte. Innerhalb dieses christlichen Verbandes wurde die jugendliche Experimentierfreude unterstützt. Ich erlebte, wie das Vertrauen der Eltern und dasjenige des Verbandes Leiter befähigt – wie Grosses möglich wurde. Mein Interesse an der Theologie wurde damals mehr und mehr geweckt. Sicherlich war es auch der persönliche Kontakt zur ortsansässigen Pfarrfamilie, der das Interesse am universitären Studiengang und an der Vielfalt des Berufsbildes förderte. So kam es, dass sich über die Zeit hin der Wunsch für diesen zweiten Bildungsweg mit dem Berufsziel Pfarrer mehr und mehr verdichtete.


«Unseren vulnerablen Mitmenschen Zeit zu schenken ist unglaublich wertvoll.»


Es sind schwierige Zeiten, durch die wir alle gemeinsam gehen. Was gibt dir Mut?

Es ist eine Art «Urvertrauen», die mich begleitet. In Bezug auf die Pandemie und die Erkrankungen sehe ich die Zahlen. Die Entwicklungen, die Stagnationen, die Fortschritte und die wissenschaftlichen Annahmen. Meine kognitive Wahrnehmung zeigt und erklärt mir die Situation. Mein Urvertrauen ist von der Hoffnung getragen. Es ist immer auch die Hoffnung auf eine gute Zeit in und nach den Herausforderungen. Dieses Urvertrauen und die Hoffnung sind meine stetigen Begleiter. Dies wiederum gibt mir Mut und Kraft in all den verschiedenen Veränderungen, immer wieder neue Wege zu suchen, um im Fassbaren gemeinsames Unterwegssein zu ermöglichen.

Gab es auch gute Zeiten während der letzten beiden Jahre?

Es fällt mir schwer, adäquat über das Gute in den letzten zwei Jahre zu philo-sophieren, während die einen Abschied nehmen mussten und andere um ihre Existenz bangen. Im Bibelbuch «Prediger » steht der oftmals in der Trauerarbeit verwendete Text, dass alles seine Zeit hat. Beruflich gab es Herausforderungen, und auch Raum für ihnen geschuldete Innovationen – da war auch Ungewohntes, Überraschendes und Schönes möglich. Herausheben möchte ich den via Zoom und Youtube durchgeführten Familiengottesdienst. In Bezug auf mein Familienleben gab es auch viele schöne Momente. Ich möchte die Zeit des Homeschoolings mit dem ausgezeichneten Wetterglück im Frühling 2020 hervorheben. Diese Zeit mit meiner damals 11-jährigen Tochter gab mir oft Kraft für die Herausforderungen des Berufsalltags.


«Ich bin dankbar, dass wir uns uneigennützig zum Wohle der Menschen einsetzen – so sind wir den Menschen Mensch.»


«Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft.» Wirklich?

Das Gute zu wünschen hilft immer. Manchmal passiert die Veränderung auf eine subtile und für uns unsichtbare Art. Wünsche haben die Kraft zur Veränderung unserer Realitäten. Wenn sie uns antreiben, beeinflussen sie die Zukunft. Unsere Wünsche erachte ich als die grossen Treiber unserer Existenz. Vor der Innovation steht der Wunsch nach Verbesserung. Wünsche lassen uns von einer besseren Welt träumen. Und: Die guten Wünsche zur Weihnachtszeit, sie schenken uns Hoffnung und zeigen uns unsere gegenseitige Verbundenheit. All unsere positiven Wünsche bereichern unser gesellschaftliches Beieinandersein. Die Zeit der Wünsche ist keine ferne Zukunft oder Utopie. Die Zeit der Wünsche ist die Zeit im Hier und Jetzt.

Was fällt dir zum Sprichwort «Zeit ist Geld» ein?

Sicherlich stelle ich mir oft die Frage, wie ich mein Geld und meine Zeit investiere. In seinem Werk «Kultur und Ethik» aus dem Jahr 1923 bemängelt (der Theologe und Philosoph) Dr. Albert Schweitzer am Zeitgeist, dass es gegenseitig nicht mehr möglich sei, dem Menschen Mensch zu sein. Leider erlebe ich im Alters- und Pflegebereich oft die Herausforderung zwischen «verrechenbarer» Zeit und der Zeit für das Gegenüber.

Wir befinden uns aktuell in einer besinnlichen Zeit. Was möchtest du uns Lions gerne mit auf den Weg geben?

In der Weihnachtszeit bin ich in Gedanken oft bei den schönen adventlichen Erlebnissen der Kindheit. Es freut mich daher, zu sehen, wie Kinder, Erwachsene und Senioren ihren Weihnachtserinnerungen neue schöne Erlebnisse hinzufügen dürfen. Ich wünsche allen Lions besinnliche Momente und dass Zeit in der Gemeinschaft der Liebsten möglich wird und eine gesegnete Weihnachtszeit.

Interview: Tobias Jäger